
Getreide - Wie dunkel sind die Aussichten?
Auf der Jahrespressekonferenz des Bundesverbandes der Agrargewerblichen Wirtschaft e.V. (BVA) in der vergangenen Woche präsentierte Präsident Bruno Fehse in Berlin seine Einschätzung zum Getreidemarkt. Danach sei die Lage der Getreidevermarktung zum jetzigen Zeitpunkt eher „impulslos“. Die Nachfrage aus dem Ausland sei ruhig und die Lager gut gefüllt. Umfragen zur Folge hätten Landwirte noch mindestens 35 Prozent der Weizenernte 2009 in den Lagern. Da dies zur kommenden Ernte auf die Preise drücken kann, forderte Fehse, auch mit Blick auf die zu erwartenden Preisschwankungen, den Erhalt der Intervention für Weizen zur Absicherung der Preise nach unten.
So weit so gut. Eine berechtigte Forderung. Schließlich ist Getreide ein Commodity, dessen Angebot und Nachfrage sehr stark preisorientiert sind. Die Vermarktungsaktivitäten der Landwirtschaft und des Agrarhandels drehen sich deshalb häufig auch nur um die Entscheidungen, zu welchem Zeitpunkt und zu welchem Preis das Getreide verkauft werden soll. Wenn das Getreide dann im Silo des Händlers verschwunden ist, ist für viele Landwirte beispielsweise die Vermarktung abgeschlossen. Und wenn der Preis nicht stimmt, na dann gibt es ja noch die Intervention. Punkt!
Aktives Marketing sieht anders aus. Das Stichwort lautet Produktdifferenzierung mit Hilfe von Qualität und Einzigartigkeit. Wenn auch das Getreide selbst nur wenig Raum für Einzigartigkeit lässt, bieten die Prozesse (u. a. Lagerung, Transport, Verarbeitung, Komunikation) in der Regel noch Potential (Stichwort: Prozessqualität).
Das haben einige Initiativen bereits erkannt und es bekommt zunehmend den Anschein, dass die Ablieferungsmentalität vieler Landwirte mehr und mehr der Vergangenheit angehören wird.
Vermarktungsalternativen für Getreide werden bereits diskutiert, wie es zum Beispiel die Diskussion im Internet auf landtreff.de exemplarisch zeigt.
Eine andere Form der aktiven Getreidevermarktung verfolgt in einer Kooperation zwischen einem Onlinehändler, der Getreidemühlen für den privaten Hausgebrauch vertreibt, und einem Erzeuger von Bio-Getreide. Mit dem Abschluss eines Getreideabos erhält der Verbraucher einmalig eine Getreidemühle und zwei Jahre lang jeden Monat 10 kg Weizen.
Doch es geht nicht immer nur um Marktnischen. Erzeugergemeinschaften schließen sich zusammen, um größere Mengen aktiv zu vermarkten. Über ein Beispiel hatte ich schon einmal berichtet. Die Schlüsselworte lauten dabei: Kooperation, Organisation und Informationsmanagement.
Darauf baut auch die österreichische Vermarktungsinitiative „Kaisergetreide“ . Die Initiative geht dabei vom Landhandel aus und lebt von der Idee, Qualität und Sicherheit marktwirksam zu verkaufen. Mit Hilfe einer elektronisch unterstützten Rückverfolgbarkeit und einer umfassenden Qualitätsdokumentation haben die Akteure eine Getreidemarke aufgebaut, mit der sie am Markt höhere Preise erlösen wollen („Getreide mit Stammbaum!“). Dabei werden die Landwirte aktiv mit eingebunden.
Wenn die Getreidepreise anhaltend niedrig bleiben, wächst auch der Druck auf immer mehr Erzeuger und Händler, sich nach Vermarktungsalternativen umzusehen. Aus der klassischen preisorientierten Getreidevermarktung wird dann ein Commodity-Marketing bzw. ein aktives Getreidemarketing. Stufenübergreifende Konzepte mit einer funktionierenden Qualitätskommunikation bis hin zum Verbraucher versprechen dabei den größten Erfolg.
Ich bin auf weitere Beispiele gespannt!



