Garvin und Qualität

Qualität hat viele Gesichter

Qualität hat viele Gesichter

Was ist Qualität? Immer wieder hört man Slogans wie: „Qualität ist, was der Kunde will.“ oder auch „Qualität ist, wenn der Kunde wieder kommt und nicht das Produkt.“ Die ISO 9000:2005 definiert Qualität als: „Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale Anforderungen erfüllt.“

Der Versuch, Qualität zu definieren, ist schon vielfach und von vielen unternommen worden. Vor 25 Jahren im Jahr 1984 hat beispielsweise der nordamerikanische Wissenschaftler David A. Garvin 5 zentrale Sichtweisen auf Qualität beschrieben. Seine Arbeit von damals wird heute noch vielfach zitiert. Welche Auswirkung die Sichtweisen auf Qualitätskommunikation haben, soll nachfolgend dargestellt werden:

  • Die transzendente Sichtweise der Philosophie: Diese Sichtweise geht davon aus, dass Qualität als solche nicht definiert werden kann. Erst durch die wiederholte Erfahrung und den Vergleich lassen sich Qualitätsaussagen treffen. Dieser Ansatz bereitet der Qualitätskommunikation große Schwierigkeiten. Wenn Qualität nicht definierbar und nicht messbar ist, was soll dann kommuniziert werden?
  • Die produktbasierte Sichtweise der Ökonomie: Dieser Ansatz macht es der Qualitätskommunikation schon einfacher, weil er davon ausgeht, dass Qualität sich mit genau messbaren Variablen definieren lässt. Der produktbasierten Ansicht zu Folge ist ein “Mehr” einer Eigenschaft immer auch ein “Mehr” an Qualität. Allerdings vernachlässigt dieser Ansatz, dass es Präferenzen für bestimmte Attribute gibt. Die Präferenz für den Fettgehalt einer Buttercreme dürfte im Rahmen einer Diät doch eher schwanken.
  • Die nutzerbasierte Sichtweise der Ökonomie, des Marketings und des Operations Managements: Dieser Ansatz trägt den Präferenzen der Nutzer Rechnung. Das Produkt mit dem höchsten jeweiligen Nutzen hat damit auch die höchste Qualität. Wenn Qualität durch die jeweils subjektive Einstellung eines Nutzers definiert wird, ist es für den Massenmarkt allerings sehr schwierig, genau das Bündel an Produkteigenschaften zu entwicklen, die für die meisten Verbraucher einen subjektiven Wert haben. Mit dem Internet hat sich dieses Problem etwas abgemildert, weil heutzutage eine Massenindividualisierung möglich ist, die den individuellen Qualitätsanforderungen vieler Nutzer gerecht wird. Dazu ist die Kommunikation mit den Nutzern besonders wichtig.
  • Die herstellerbasierte Sichtweise: Die herstellerbasierte Sichtweise auf Qualität fokussiert im Gegensatz zur nutzerbasierten Sicht auf die Lieferanten. Qualität schlägt sich dabei in den Spezifikationen für die benötigten Rohstoffe nieder. Qualität ist demnach die Übereinstimmung mit den Spezifikationen. Wenn die Spezifikationen objektiv messbar sind, ist das für die Qualitätskommunikation einfach darzustellen. Jedoch bei Vertrauenseigenschaften, die oft nicht oder nur schwer am Endprodukt nachweisbar sind (wie zum Beispiel artgerechte Tierhaltung oder ökologischen und regionale Erzeugung von Lebensmitteln), ergeben sich häufig Schwierigkeiten.
  • Die wertbasierte Sichtweise des Operations Management: Diese Sichtweise legt seinen Schwerpunkt in erster Linie auf ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis, frei nach dem Motto „Qualität hat seinen Preis!“

Fazit: Alle diese Sichtweisen lassen sich der Praxis finden und haben ihre Bedeutung für die Qualitätskommunikation. Es macht dabei nichts, wenn verschiedene Sichtweisen auf Qualität bestehen. Es ist nur sehr ratsam, sich diese Unterschiede klar zu machen. Möglicherweise können so Konflikte zwischen Marketing, Produktion und Einkauf vermieden werden. Das  Qualitätsmanagement im Betrieb wird dadurch gewinnen.

Literatur: Garvin D. A. (1984), What Does Product Quality Really Mean?, Sloan Management Review, 26:1, S. 25 -43

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Commodity-Marketing und das Web

Der Getreidepreis ist ein nicht unerheblicher Kostenfaktor für verarbeitende Unternehmen. Was den Landwirt auf der einen Seite freut (hohe Getreidepreise), bereitet beispielsweise den Mühlen Kummer (hohe Kosten). Da der Preis, wie bei vielen Massengütern der Agrarwirtschaft (Commodities) oftmals das Hauptkriterium der Nachfrage ist, stecken die Mühlen in einem Dilemma. Besonders wenn der hohe Rohstoffpreis aufgrund ungleich verteilter Marktmacht nicht auf die Produkte umgelegt werden kann.

Wie diesem Dilemma begegnet wird, zeigt eine Initiative aus den USA. Der Mehlmüller Stone-Buhr  nutzt das Internet, um mit der regionalen Herkunft seiner Produkte zu werben unter dem Motto “Find the Farmer”  (auf Deutsch etwa: Finde den Erzeuger). Auf der Website wird die Herkunftsregion mit Hilfe von Tracking&Tracing-Techniken (Rückverfolgung) visualisiert. Stone-Buhr verfolgt mit seinem Internetauftritt verschiedene Ziele:

  1. Es betont die regionale Herkunft der Rohstoffe und verbindet mit dem Massenprodukt Mehl die Gesichter von Farmern, die mit ihrem Namen für Qualität bürgen. In Deutschland kennen wir das von Klaus Hipp .
  2. Durch die Webseite wird eine virtuelle Beziehung geschaffen zwischen Anbieter und Endkunden. Die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme wird über einen Blog unterstützt. Daher ist „Find the Farmer“ auch ein Beispiel für das so genannte Relationship-Marketing (Beziehungsmarketing)
  3. Die Betonung und Umsetzung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise soll die Bedeutung des Preises bei der Nachfrage senken und ein gutes Gewissen vermitteln. Das die verschiedenen Anbaukriterien eingehalten werden, zeigen verschiedene Zertifikate (Shepard’s Grain und Food Alliance). Die Differenzierung des Getreides im Sinne eines Commodity-Marketings erfolgt hierbei u. a. über die als nachhaltig empfundenen Getreideanbaukriterien. 

Aber auch in Deutschland werden die Rückverfolgbarkeit und die regionale Eingrenzung zur Vermarktung im Internet genutzt. Ein Beipiel ist die Saalemühle  in der Nähe von Leipzig. Über die Lieferscheinnummer kann das das Produkt aud der Webseite zurückverfolgt werden. Über einen Strukturbaum können viele Details des Mehls bis zu den Qualitätsparametern des Getreides nachvollzogen werden. Dieses steht unter dem Motto: Lebensmittelsicherheit (Food Safety). Zwar verzichtet die Saalemühle auf einen Blog zur Kundenkommunikation und betont nicht ganz so auffällig wie Stone-Buhr die regionale Herkunft ihrer Rohstoffe, aber letztlich haben die Verantwortlichen sich was einfallen lassen, im Kreis ihrer Mitbewerber aufzufallen.

Im Kern nutzen Stone-Buhr und die Saalemühle die Informationen aus ihren Systemen zum Tracking und Tracing. Sie schaffen damit einen wahrnehmbaren Mehrwert in Form von Vertrauen und einer engeren Kundenbeziehung. Ich behaupte, dass dies erst ein Anfang ist. In vielen Unternehmen liegen Daten brach, die in entsprechende Informationen umgewandelt werden können, um die an sich schwer differenzierbaren Produkte wie Mehl mit Informationseigenschaften zu bereichern.

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